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Unvollkommen sein dürfen

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Glauben ist kein Erfolgsrezept. Wir sind auch nicht schlagartig neue Menschen. Wir dürfen unvollkommen sein und müssen keineswegs alles wissen. Wir dürfen fragen, zweifeln und verzweifeln ebenso wie gewiss sein, danken und in Freude sein. Wir dürfen stolpern und straucheln auf dem Weg der Liebe entgegen.

Was ich an der Bibel so mag ist, sie erzählt zutiefst ehrlich von Menschen. In all ihrem Scheitern, in ihrer Brüchigkeit, ihrem Hadern ebenso wie in ihrem Sichwandeln, Glauben und großartigen Wirken. Da geht es keineswegs nur heilig zu, es geht in alle Höhen aber auch in alle Tiefen menschlichen Seins.  

„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ruht in den Schwachen.“ 2. Kor. 12,9

Manchmal frage ich mich, ob in diesem wiederkehrenden Scheitern wie es das Volk Israel aufzeigt,  nicht ein tiefes Geheimnis liegt. In dieser Unmöglichkeit, alles „richtig“ zu machen, liegt die Möglichkeit, dass die Gnade sich zeigen kann, als die welche sie ist. Gott setzt nicht einfach ein Ende hin, bei diesem Versagen.

Im Gegenteil. Es ist, als entfaltete er erst dann seine ganze Größe in Jesus Christus. Es ist, als hätte er über diesen langen Weg des Scheiterns aufzeigen wollen, dass es garnicht darum geht, angestrengt alle Gesetze und Regeln einzuhalten. Dass es um etwas viel Größeres, Weiteres geht. Die Liebe.

Wie lieblos gehen wir da oft mit uns selbst uns. Werfen uns jeden Fehler, jedes Versagen vor, strengen uns an, alles gut zu machen. Es ist, als würde Gott genau diese Verkrampfung in unserem Herzen aufweichen wollen. Lass dir an meiner Gnade genügen. Diese Worte dürfen wirklich in unserem Inneren ankommen.

Wie vieles durfte ich da in der Natur erkennen. Da gibt es keineswegs das Perfekte. Die Schönheit, die sich entfaltet liegt oftmals vielmehr in dieser Gegensätzlichkeit und Brüchigkeit, wie in einem Blatt, welches auf der einen Seite noch all seine Farben hat, und auf der anderen Seite bereits verwelkt.

„Nicht die Schönheit entscheidet, wen wir lieben, sondern die Liebe entscheidet, wen wir schön finden.“ Sophia Loren

Die Schönheit des Menschen liegt viel mehr in seinen teils auch sichtbaren Narben und Wunden, in einem offenen Eingestehen seiner vielen kleinen Fehler und Schwächen, als in einem Schauspiel der Masken vermeintlicher Perfektion. Wir dürfen diese Masken loslassen. Und uns unvollkommen geliebt wissen.

Wissen wir darum, wird dies unsere Sicht nach außen verändern. Je mehr wir unsere eigene Unvollkommenheit liebend angenommen wissen, werden wir Gleiches mit anderen tun. Weil es darum geht, unsere eigenen Herzen zu liebenden umzugestalten und so Gott in seinem Sein die Ehre geben.

Dietrich Bonhoeffer gibt im folgenden Text einen zutiefst berührenden Einblick in sein Seelenleben.  Rückblickend gehört er zu den Menschen, die einem ein Vorbild sein dürfen in gelebtem mutigen Christsein. Denn er konnte garnicht anders, als aufzustehen gegen das unsägliche NS-Regime. 

Und doch ringt er so sehr mit sich. Wagt er es, in aller Ehrlichkeit sich zu zeigen, dass er keineswegs der strahlende, kraftvolle Held ist, den so manche in ihm sehen wollen. Macht ihn das kleiner? Im Gegenteil. Er öffnet damit eine Tür, wie Gott es auch tut. Du darfst dich zeigen, mit allem, was in dir ist.

Ein eindringliches Lied von Herbert Grönemeyer, bekennend zu seinem Glauben, passt dazu: „Deine Hand“ Wie unvollkommen wir auch sein mögen, wir dürfen dennoch jeden Tag aufs Neue die Kraft Gottes hinter uns spüren. Diese Liebe, die uns trägt, ganz besonders in Zeiten, in denen wir schwach sind. 

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge.
Ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und zu leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

 

(aus: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung)